Der umgebende Raum bestimmt die Wiedergabe einer Offenen Schallwand wesentlich mit - insbesondere im Bass. Wie wir diese Einwirkungen durch richtige Dimensionierung und Platzierung der Offenen Schallwand positiv nutzern können, wird im folgenden beschrieben.

Während die erste Auswirkung keine schwerwiegenden Konsequenzen hat, ist die zweite fundamental wichtig. Da EDGE keinen Fußboden simulieren kann, ersetzen wir ihn durch eine Spiegelschallquelle. D. h., wir stellen unter den zu simulierenden Lautsprecher einen zweiten, exakt gleichen, nach unten gespiegelt. Gemessen wird auf Chassishöhe des oberen Lautsprechers.

Für Wellenlängen, die sehr groß sind im Vergleich zum Lautsprecherabstand vom Boden, ergibt sich ein Gewinn von 6 dB durch den Fußboden. Bei höheren Frequenzen kommt es zwischen dem Direktschall und dem vom Boden reflektierten Schall zu Laufzeitunterschieden - und damit zu Auslöschungen.

Die Lage der Auslöschungen hängt von der Hörentfernung ab. Für die Simulation sind 3 m angenommen. EDGE geht außerdem von einem ideal reflektierenden Boden aus (per Spiegelschallquelle). Unter realen Bedingungen sind die Auslöschungen ab 2000 Hz praktisch nicht mehr hörbar.
Wir haben bereits in Kap. 3.1 gesehen, wie wichtig viel Schallwandfläche für die Bassabstrahlung eines Dipols ist. Eine vergleichbare Wirkung hat auch viel Bodenfläche. Je näher der Lautsprecher dem Boden kommt, desto stärker wird der Bass. Abb. 5.4 zeigt die Zunahme für Chassishöhen von 85 (grün), 60 (lila) und 30 cm (rot) über dem Boden.

Interessant ist auch, dass die erste Bassauslöschung durch Bodenreflektion sich durch Absenken des Lautsprecherchassis zu höheren Frequenzen verschiebt. Ein weiterer Grund, weshalb Offene Schallwände mit tiefliegenden Breitband-Chassis von manchen Verfechtern der reinen Lehre bevorzugt werden.
Wir sind bisher davon ausgegangen, dass der Schall von der Rückseite der Membran um die Schallwand nach vorn wandert und sich ansonsten im Raum "verliert". Aber natürlich befindet sich irgendwo hinter dem Lautsprecher eine Wand, die den Schall nach vorn reflektiert. Es ist zu beachten, dass der von der Membranrückseite ausgehende Schall gegenüber dem von der Vorderseite um eine halbe Wellenlänge versetzt ist.
Bei einem Wandabstand von 0,9 m gelten z. B. folgende Werte für Maxima und Minima:
| 1. | 2. | 3. | 4. | 5. | |
| Maximum (Hz) | 95 | 286 | 476 | 672 | 857 |
| Minimum (Hz) | 190 | 381 | 571 | 762 | 952 |
Wie sich solche Reflektionen auswirken, zeigen die folgenden Simulationen mit den neuen Open Baffle Worksheets von Martin J. King:

Bei gleichen Randbedingungen fallen übrigens die Verstärkungen und Auslöschungen durch Rückwandreflektion bei einer geschlossenen Box weitaus geringer aus:

Durch Variation des Dipolabstands zur Rückwand lässt sich der Frequenzgang am Hörplatz verändern, um zum Beispiel Auslöschungen durch andere Raumeffekte etwas auszugleichen. Wir sehen, dass sich die Auswirkungen im wesentlichen auf den Bereich 100-500 Hz beschränken. Bei höheren Frequenzen folgen Maxima und Minima so dicht aufeinander, dass das Ohr den Wechsel nur noch bei reinen Sinustönen wahrnimmt.

Wichtig ist auch ein weiterer Abstandsaspekt, der bereits in Kap. 4.4 angesprochen wurde. Erst wenn die Reflektion mindestens 6 ms (entspricht 2 m Weglänge) nach dem Schall von der Membranvorderseite am Hörplatz eintrifft, wird sie als separates Ereignis wahrgenommen und dem Raumhall zugeordnet. Bei einem Abstand unter 6 ms wird das Klangbild unpräzise. Aus diesem Grund sollten Offene Schallwände einen Mindestabstand von 1 m zur Rückwand haben.
Ähnliche Bedingungen wie für den Rückwandabstand gelten natürlich auch für die Seitenwände und die Decke. Wegen des Dipolkurzschlusses in der Membranebene wirken sie sich aber geringer aus.
Wir betrachten einen herkömmlichen geschlossenen Lautsprecher (Monopol) und einen Dipol bei niedrigen Frequenzen, bei denen noch keine Bündelungseffekte einsetzen. Beide Lautsprecher sollen am Hörplatz gleich laut sein.

Es ist offensichtlich, dass der Dipol insgesamt wesentlich weniger Schallenergie in den Raum abstrahlt. Es sind nur 1/3 entsprechend -4,8 dB. Das führt dazu, dass der Diffusschall im Raum beim Dipol ebenfalls um 4,8 dB niedriger ist als beim Monopol.

Die Schallstärke nimmt vom Lautsprecher in Richtung Hörer linear ab. Der Punkt, an dem Direktschall und Diffusfeld gleich werden, ist beim Dipol (D) weiter vom Lautsprecher weg als beim Monopol (M). In einem typischen Raum sind diese Entfernungen rund 0,7 m (M) und rund 1,2 m (D). Bei angenommenen 3 m Hörentfernung ist der Direktschall dann 12,4 dB unter dem Diffusschall beim Monopol und nur 7,7 dB darunter beim Dipol. Eine exakte Herleitung dazu liefert Linkwitz.
Unmittelbare Folge ist, dass Klangdetails deutlich weniger vom allgemeinen Raumgeräusch verdeckt werden als bei herkömmlichen Lautsprechern. Die Dipolwiedergabe wirkt klarer und präziser.
Räume sind Hohlkörper. Sie wirken als Resonatoren für alle Frequenzen, die mit einer halben Wellenlänge oder einem mehrfachen davon zwischen die Raumwände passen. Wie sich die Platzierung von Monopol und Dipol entlängs der betreffenden Raumachsen jeweils auf diese Resonanzen auswirken, untersuchen wir im folgenden. Wir verwenden dazu eine Java-Simulation und betrachten zwei Druckwellen, die vom Monopol bzw. Dipol nach rechts (oberes Diagramm) und links (mittleres Diagramm) entlang der Raumachse abgestrahlt werden. Untersucht wird nur die Resonanz bei der halben Wellenlänge.
Fall Monopol
Von Monopolen ist bekannt, dass sie diese Raummoden bei wandnaher Aufstellung besonders gut anregen. Weiter weg von der Wand wird es komplexer. Der Mechanismus ist aber leicht zu verstehen:
Das gilt für alle Frequenzen, bei denen ein Vielfaches der halben Wellenlänge zwischen Front- und Gegenwand passt.
Allerdings: Wenn die Raumlänge einer ganzen Wellenlänge (oder einem Vielfachen davon) entspricht, passen die reflektierte Druckwelle und die nächste erzeugte Druckwelle wieder zusammen. Die Anregung wird wieder maximal.
Weil die Verstärkung der Raummoden immer dann am größten ist, wenn der Monopol in einem Druckmaximum der Raumresonanz steht, nennt man Monopole auch "Druckwandler". Druckmaxima liegen bei 0/2, 1/2, 2/2, 3/2 ... der jeweiligen Wellenlänge.
Fall Dipol
Dipole haben - auch im Bass - eine deutliche Richtcharakteristik. Deshalb werden Resonanzen in der Hoch- und Querachse grundsätzlich weniger angeregt als in der Längsachse. Untersucht wird im folgenden nur ein Dipol, dessen Längsachse zur Gegenwand gerichtet ist.
Dieses Verhalten trifft für alle Frequenzen zu, deren Wellenlänge groß ist im Vergleich zum Wandabstand des Dipols
Allerdings: Entspricht der Abstand zu den Wänden einer halben Wellenlänge, dann kommt die Druck- bzw. Unterdruck-Halbwelle genau zu dem Zeitpunkt zum Lautsprecher zurück, wenn dieser die nächste Druck- bzw. Unterdruck-Halbwelle abstrahlt. In gleicher Laufrichtung subtrahieren sich dann entgegengesetzte Halbwellen. Die Anregung ist minimal.
Weil die Verstärkung der Raummoden immer dann am größten ist, wenn der Dipol in einem Schnellemaximum (=Druckminimum) der Raumresonanz steht, nennt man Dipole auch "Schnellewandler". Schnellemaxima liegen bei 1/4, 3/4, 5/4 ... der jeweiligen Wellenlänge.
Die folgenden Simulationen machen das deutlich. Sie wurden mit dem Room Response Calculator (RRC) der FRD Group hergestellt. Der RRC berechnet ausschließlich den Einfluss von Reflektionen am Hörplatz, berücksichtigt aber weder den 6 dB Dipolabfall im Bass noch die Anregung von Raummoden. Wir betrachten zuerst die Änderungen im Frequenzgang, wenn der Hörplatz in Richtung der offenen Schallwand verschoben wird:


Abb. 5.11: Resultierender Frequenzgang an verschiedenen Hörplätzen auf der Mittelachse des Raumes. Rückwandabstand 1 m (blau), 1,5 m (schwarz), 2 m (rosa), 2,5 m (grün) und 3 m (gelb). Lautsprecherabstand zur hinteren Wand 1,5 m.
Der günstigste Frequenzverlauf ergibt sich bei gleichem Wandabstand (hier 1,5 m) von offener Schallwand und Hörer. Wie nicht anders zu erwarten, vermindert sich der Einfluss der Reflektionen umso mehr, je näher Lautsprecher und Hörplatz zusammenrücken:


Abb. 5.13: Resultierender Frequenzgang bei unterschiedlichem Abstand von Hörplatz und offener Schallwand: 4 m (gelb), 3 m (blau), 2 m (rosa), 1 m (schwarz) und 0,5 m (grün). Aufstellung immer symmetrisch zur Raummitte.
Eine letzte Überlegung: Eine Aufstellung der Dipole im Punkt B führt zu einer minimierten Anregung der ersten Raummoden, weil hier ein niedriges Schnelleniveau liegt. Am Hörplatz A ist dagegen die Druckverteilung so homogen und niedrig wie möglich - also passend für den Hörplatz. Diese Anordnung sollte in Bezug auf Raummoden ein optimiertes Ergebnis liefern.

Unterhalb der niedrigsten Raummode werden Räume zu Druckkammern. Monopole können hier echten Wechseldruck zwischen Gehäuseinnerem und Gehäuseäußerem (dem Raum) erzeugen. Die Abstrahlung wird bis zu tiefsten Frequenzen zunehmend unterstützt. Weil es bei Dipolen diesen Unterschied zwischen Innen- und Außendruck nicht gibt, fällt der Schalldruck unterhalb der niedrigsten Raummode erheblich ab, wie dieser Vergleich zeigt:

John Kreskovsky hat das für verschiedene Raumgrößen nachgewiesen. Es lohnt sich daher in den meisten Fällen nicht, Dipol-Lautsprecher in der untersten Oktave (16-32 bzw. 20-40 Hz) einzusetzen. Effizienter verhält sich ein Monopol-Sub bis 40 Hz.